Wie Frischpensionierte selbstbestimmt Aufgaben übernehmen
Frauen wie Männer werden nach ihrem Berufsausstieg leicht zu Lückenbüssern. Alle anderen denken: Die haben jetzt viel Zeit und keine Verpflichtungen mehr! Die könnten doch jetzt das machen, was sonst liegen bleibt, und jene entlasten, die zu viel haben.
Noch bevor die Frischpensionierten für sich selbst gute Gründe gefunden haben, um Nein zu sagen und sich ohne schlechtes Gewissen abzugrenzen, finden sie sich in Lücken wieder. Als Lückenbüsser eben. Nicht selbstgewählt, eher hineingedrängt. Sie sind Verlegenheitslösung, Übergangslösung, Notlösung. Und vermutlich bleiben sie es. Sie füllen Lücken und bezahlen mit Kompromissen in Bezug auf ihre eigenen Prioritäten, Interessen und ihre Gestaltungs-Freiheit, die sie in dieser Lebensphase jetzt eigentlich hätten.
Als Lückenbüsser eignen sich …
Als Lückenbüsser eignen sich Menschen, die es schlecht aushalten, wenn andere Menschen von ihnen enttäuscht sind. Wer geschätzt werden will, erfüllt am besten die Wünsche anderer! Als Lückenbüsser eignen sich Menschen, die nicht wissen, wofür sie leben und ihre Zeit investieren wollen. Wer sein Leben nicht selbst gestaltet, wird von anderen gelebt. Als Lückenbüsser eignen sich Menschen, die vermuten, dass Selbstbestimmung egoistisch und ungeistlich ist. Sie sagen schnell Ja, ohne es wirklich zu meinen. Als Lückenbüsser eignen sich Menschen, die ein Nein nur dann für berechtigt halten, wenn andere es verstehen. Das Unverständnis anderer signalisiert ihnen, dass ihr Nein nicht ok ist.
Es ist keine gute Idee, in der nachberuflichen Zeit zum Lückenbüsser zu werden. Vermutlich sind unter uns aber nur wenige davor gefeit, es unbeabsichtigt doch zu werden.
Den Übergang in die nachberufliche Zeit bewusst gestalten
Wer sich schon einige Zeit vor dem letzten Arbeitstag die Frage stellt, wie er seine nachberufliche Zeit gestalten will, tut sich etwas Gutes. Man muss am letzten Arbeitstag aber nicht schon zwingend eine Überzeugung haben. Das hat Zeit, wenn man sich die Zeit nimmt. Es ist sinnvoll, sich nach dem Berufsleben erst einmal eine bestimmte Zeit ohne Verpflichtungen zu gönnen. Ein paar Monate, ein halbes oder vielleicht auch ein ganzes Jahr. Diese Zeit sollte man von Anfang an begrenzen. Aber sie sollte lange genug sein, damit eine innere und äussere Neuorientierung auch wirklich möglich ist. Deshalb braucht es mindestens einige Monate, weil es meistens länger dauert als erwartet, bis man auch im Kopf den Berufsalltag hinter sich gelassen hat und spürt, was einem wirklich wichtig ist.
Die Gestaltungs-Freiheit des dritten Alters
So viele Freiheiten und so viele Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten, wie wir es nach dem Ausstieg aus dem Berufsleben haben, hatten wir bisher nie. Beispielsweise müssen wir jetzt nicht mehr nach dem Prinzip „Zeit ist Geld“ funktionieren. Unsere Altersvorsorge erlaubt es uns, frei zu entscheiden, wofür wir unsere Zeit und Kraft investieren wollen. Dieses Privileg will genutzt sein. Selbstverantwortet und selbstbestimmt. Und wenn wir uns entscheiden, in Lücken zu stehen, dann tun wir es aus Überzeugung und nicht als Lückenbüsser.
Hinweis zur Rechtschreibung: René Winkler hat sich als Autor aus der Schweiz dafür entschieden, das Wort „Lückenbüsser“ wie in der Schweiz üblich mit ss und nicht mit ß zu schreiben.

Autor: René Winkler,
Gastgeber des Podcasts Vorwärtsleben und Leiter der Akademie GenerationPLUS des Theologischen Seminars St. Chrischona (TSC)





