Christiane Rösel über die Kraft des Aufschreibens
Wir lieben Geschichten. Mit Begeisterung lese ich Biografien und Lebensberichte. Vom echten Leben lernen. Seltener wenden wir uns dem eigenen Leben zu. Warum eigentlich nicht?
Wer bin ich? Wie bin ich die geworden, die ich heute bin? Die eigene Geschichte zu erzählen hilft, mit sich „ins Reine“ zu kommen. Gleichzeitig eröffnet es einen Raum, nach vorne zu schauen:
- Stimmt die Richtung noch?
- Was darf ich zurücklassen?
- Wohin zieht es mich?
Der Schatz der eigenen Lebensgeschichte
Es geht beim Aufschreiben nicht um Vollständigkeit, Punkt für Punkt haargenau aufzulisten und eine genaue Chronik zu erstellen. Der Seele tut etwas anderes gut, nämlich „der eigenen Geschichte Wert zu geben“, wie es die Autorin und Schreibtrainerin Hanna Buiting beschreibt. Mich zu erinnern an bedeutsame, verschüttete, beglückende und irritierende Momente, sie aber womöglich von heute aus anders zu bewerten. Vielleicht erhalten sie einen Sinn, der mir bisher verborgen war. Wie wäre es mich noch einmal auf die Suche zu machen, nach dem Schatz meiner eigenen Lebensgeschichte? Niemand von uns ist ein „unbeschriebenes Blatt“. Aber keine kann mich davon abhalten, „neue Seiten aufzuschlagen“, außer ich selbst. Je mehr ich schreibe, desto stärker experimentiere ich mit „meiner Schreibstimme“.
Was schreibst du gerne? Briefe, E-Mails, Tagebuch?
Schreibst du alleine – oder lieber in einer Gruppe mit Anleitung?
Vor einigen Jahren habe ich an einer Schreibwerkstatt teilgenommen. Schon vorher habe ich gerne geschrieben, aber diese Tage haben mir geholfen, meinen inneren Zensor immer wieder zum Schweigen zu bringen. So mancher Knoten wurde gelöst in diesen Tagen. Seitdem schreibe ich anders. Manchmal kommt er noch aus der Deckung, dieser fiese kleine Zensor, aber heute kann ich besser mit ihm umgehen.
Ein geistliches Tagebuch führen
Seit vielen Jahren gehört auch ein „geistliches Tagebuch“ zu meinem Leben dazu. Wie das aussieht? Eigentlich ist es ganz schlicht „betendes Schreiben“. Oft lese ich einen Abschnitt – und dann sinne ich betend, schreibend darüber nach. Im Schreiben sortieren sich Gedanken und Gefühle. Schreiben ist für mich ein Weg „der Selbstklärung“ geworden. Manches kann ich – einmal aufgeschrieben – klarer sehen und besser loslassen. Und es kommt unzensiert aufs Papier, was da ist – und nicht das, was idealerweise da sein sollte. Für mich ist es ein Weg, den Gott mit meiner Seele geht. Martin Schleske schreibt dazu einmal: „Das betende Schreiben kann eine gestaltende Kraft sein. Es ist reines Beobachten dessen, was geschieht. Es ist die Schönheit, in Worten und Bildern – etwas zu denken, dass man sich nicht ausdenken muss. Es wird in uns gedacht!“
Hast du Lust, es einmal auszuprobieren?
Dann empfehle ich sehr gerne das Buch von Hanna Buiting: „Schreiben ist Gold. Eine Einladung zu Kreativität und Achtsamkeit“, erschienen 2022 im Herder Verlag.
Oder es gibt z. B. über die VHS (Volkshochschule) Kurse zum biografischen Schreiben.
Und ein Angebot für Kurzentschlossene: Zwischen den Zeilen – Gott, Biblisch-biografisches Schreiben im Sommer vom 23. bis 26. Juli 2026 auf dem Schönblick bei Schwäbisch Gmünd.

Autorin: Christiane Rösel,
Gastgeberin des Podcasts Vorwärtsleben, Autorin und Referentin





