Christiane Rösel im Gespräch mit Dr. Markus Müller über sein Buch „Alter neu denken!“
Alter und Älterwerden: Eine umstrittene Angelegenheit. Für die einen ist es Schicksal, für andere etwas, das es um jeden Preis zu vermeiden gilt, und für Dritte ein Gesprächsthema, das jeder guten Laune ein Ende setzt. Diesen und ähnlichen Denkweisen begegnet Markus Müller in seinem neuen Buch: Das Alter neu denken. Wir haben bei ihm nachgefragt …
Christiane Rösel: Markus, lass mich mal sehr direkt fragen: Was habe ich davon, „Alter neu zu denken“?
Markus Müller: Ich finde es sehr schade, wenn Menschen das Alter nur als unentrinnbares Schicksal sehen, bloss Vermeidungsstrategien pflegen und ungern über diese Lebensphase reden. Ich glaube, Alter ist nie nur Schicksal, nie nur etwas Vermeidenswertes, nie nur Zerstörer der guten Laune. Mit dem Buch möchte ich, dass Du und viele andere Alternativen dazu sehen. Alter ist ein Hoffnungsprojekt. Über diese Hoffnung im und für’s Alter kann man nie genug reden und austauschen.
Raus aus dem Gefängnis des Negativen
Christiane Rösel: Was ist dein Kernanliegen?
Markus Müller: Wir sollten aus diesem Gefängnis des Negativen rund um das Alter ausbrechen. Wir sollten Wege finden, wie wir einander helfen können, die richtigen Fragen zu stellen, Vorurteile fallen zu lassen und auch die Schönheit des Alters zum Thema zu machen. Wer das Buch gelesen hat, sollte voller Hoffnung und Vorfreude auf seine kommende Zeit hier auf Erden blicken. Und er sollte fähig sein, andere mit dieser Hoffnung und Freude anzustecken.
Christiane Rösel: Wieso sollen wir „neu denken“? Wie denken wir deiner Meinung nach bis jetzt?
Markus Müller: Ich stelle sogar unter christlichen Menschen oft ein grundsätzliches „Anti-Aging“ fest. Ich treffe kaum Gemeinden, die eine aufbauende und hoffnungsstiftende Kultur des Alters pflegen. Dies auch, obwohl das Anti-Aging sehr viel mühsamer und energieraubender ist als ein „Pro-Aging“. Auch Pastoren und Pfarrer mögen oft das „For ever young“ sehr viel lieber. Schade, und vor allem für das hohe Alter verhängnisvoll. Wir müssen aus dem Kerker des „Anti“ / des Dagegen / der Verneinung raus und Alter neu denken: Zu einem Pro, zu einem Dafür, zu einem JA.
«Wir müssen aus dem Kerker des „Anti“ / des Dagegen / der Verneinung raus und Alter neu denken: Zu einem Pro, zu einem Dafür, zu einem JA.» Dr. Markus Müller
Christiane Rösel: Du sagst: „Nicht das, was sich im Leben ereignet, ereignet hat oder in Zukunft ereignen könnte ist spiel- und lebensentscheidend, sondern wie wir es einordnen und deuten, also denken. Nicht das Alter ist die Hauptherausforderung, sondern das Denken über das Alter.“ Wie kommst du zu diesem Gedanken?
Markus Müller: Wir leben und handeln ganz generell so, wie wir denken. Wer Fußballspiele langweilig findet, wird nie ein Spiel besuchen. Ein negatives Denken kann nicht zu einem hoffnungsvollen Leben und Handeln führen. Wer biblisch orientiert ist, möge den Aufbau des Römerbriefes oder Epheserbriefes studieren. Röm. 12,1-2 spricht noch vor allem Handeln davon, sich nicht dem System dieser Welt (konkret: wie die „Welt“ über das Alter denkt) gleichzusetzen, sondern sich im Denken erneuern zu lassen (siehe auch Eph. 4,17-24). Nur dies ermöglicht ein hoffnungsvolles Älterwerden bis ans Ende. Ich bedauere sehr, dass wir gerade hier unser Potential so wenig ausschöpfen.
Leben ist kostbar – unter allen Umständen!
Christiane Rösel: Ich lese in deinem Buch eine Botschaft immer wieder: Leben ist kostbar – unter allen Umständen. Wie verhält es sich aber in Bezug auf Krankheit und zunehmende Einschränkungen? Reicht da das Denken – ist es nicht eher ein ertragen?
Markus Müller: Ja, genau, Leben ist kostbar, und zwar nicht nur, wenn Krankheit, Schmerz, schwierige Diagnosen usw. abwesend sind, sondern im Gegenteil: Leben ist kostbar und liebeswert – gerade wenn nicht alles so ist, wie wir es uns wünschen. Ich leide sehr darunter, dass wir erfülltes Leben mit Wohlergehen, Schmerzfreiheit, optimaler Gesundheit und mit jugendlicher Dynamik gleichsetzen. Da liegt ein fundamentaler Denkfehler vor. Das „Ertragen“ scheint mir wieder sehr schicksalshaft orientiert zu sein. Ich glaube, wir müssen spätestens ab Beginn der 2. Lebenshälfte, sprich mit rund 41-43, die Weichen stellen, wie wir mit Notvollem und Schwerem umgehen wollen. Jeder und jede von uns hat eine „Biographie des Umgangs mit Schwerem“. Diese zum Thema zu machen ist ausgesprochen hilfreich. Schicksalsorientierung und Vermeidungsstrategie sind sehr schwierige und nicht zielführende Strategien. Das „Neu denken lernen“ scheint mir sehr viel verheissungsvoller zu sein.
Christiane Rösel: Und sag mal, ist Älterwerden auch eine Frage des Charakters und der Persönlichkeit? Gibt es Menschen, denen es leichter fällt als anderen?
Markus Müller: Ganz bestimmt. Charakter und Persönlichkeit sind aber auch nicht schicksalshafte Gegebenheiten. Ich erlebe immer wieder Menschen, die sehr wohl eine Neigung zum Depressiven haben und trotzdem hoffnungsvoll leben. Dies ermutigt mich immer wieder sehr, und da glaube ich, dass der Blick auf eigenes Denken eben sehr entscheidend ist.
« Ich erlebe immer wieder Menschen, die sehr wohl eine Neigung zum Depressiven haben und trotzdem hoffnungsvoll leben.» Dr. Markus Müller
Christiane Rösel: Dein Buch hat, wie ich finde, einen sehr schönen und persönlichen Ton am Schluss: Du ermutigst deine Leserinnen und Leser dazu, ihre „eigene Melodie des Älterwerdens“ zu finden. Haben dir Menschen davon erzählt, was es bei ihnen in Bewegung gebracht hat?
Markus Müller: Ja, auf jeden Fall. Eines der häufigsten Echo’s ist die Aussage, dass jemand gelernt hat, nochmals ganz neu Fragen zu stellen – an sich und andere. Das vielleicht Erfolgsversprechendste besteht darin, das Buch in Kleingruppen, Freundeskreisen oder auch nur zu zweit zu lesen. Nach dem, was ich höre, gedeihen so die meisten Veränderungen.
Über Markus Müller

Markus Müller hat zwölf Jahre mit alten, sehr alten und sterbenden Menschen gearbeitet und zusammengewohnt. Er weiss, dass die Art, wie wir älter werden, früh entschieden wird. Ein Buch für Menschen ab 46 Jahren, dem statistischen Tiefpunkt der Lebenszufriedenheit.






