Christiane Rösel und Uli Eggers im Gespräch (aus: AUFATMEN 3/26)
Christiane Rösel ist auf der Zielgeraden ihrer Berufstätigkeit und Ulrich Eggers seit einigen Jahren im Ruhestand. Sie sprechen gemeinsam über die spannende Frage, wie sich der Glaube verändert, wenn man schon viele Jahre darin unterwegs ist.
Uli: Wenn ich an die Begriffe „Glauben“ und „Älterwerden“ denke, empfinde ich widersprüchliche Gefühle. Positiv fallen mir sofort Leute wie Gordon MacDonald ein, der seinen älter werdenden Glauben bewusst geteilt und Einblick gegeben hat. Da habe ich viele Anregungen bekommen, gelernt, etwas als vorbildlich empfunden. Und dann habe ich aber sofort auch einen Negativ-Horizont im Blick: kämpferische Rechthaberei, verbohrtes Misstrauen, Streit um Stil- und Formfragen – nicht eben gelassene Altersweisheit und innere Freiheit. Wie erlebst du es, Christiane: Ist dein Älterwerden gut für deinen Glauben?
Christiane: Deine Beobachtungen teile ich. Aber persönlich geantwortet: Meine Fragen und Zweifel sind mit den Jahren existenzieller geworden. Frühere Gewissheiten und vollmundige Bekenntnisse werden leiser. Gleichzeitig aber erlebe ich mich heute von Jesus selbst auf eine geheimnisvolle Weise getragen, die ich mit Worten gar nicht richtig beschreiben kann. Ich freue mich tiefer an Gott – aber ich leide auch mehr an ihm – und beides ist Teil meiner Jesus-Beziehung.
Uli: Diese Ambivalenz, diese unterschiedlichen Entwicklungsrichtungen kann ich sofort nachvollziehen. Wenn ich an manche steile Jugendaussage denke oder wie unsensibel ich mit Noch-Nicht-Christen umgegangen bin, dann schäme ich mich heute. Und wünschte mir eine zweite Chance auf liebevolleres und weiseres Umgehen. Zugleich gibt es aber auch diese fast still wachsende Gegenrichtung, die nicht aus hundert neuen Argumenten besteht, sondern eher in einer beharrlichen Festigkeit oder auch Willensklarheit, glauben zu wollen, mich dafür entschieden zu haben. Der Glaube bewegt sich …
«Mein Glaube hatte viel mit meiner Aufgabe zu tun»
Christiane: Die Veränderungen meines Glaubens haben sicher auch etwas mit meiner beruflichen Situation zu tun: Ich habe fast immer hauptberuflich – oft in Teilzeit mit Familie und drei Kindern – im Reich Gottes gearbeitet, in der Jugendarbeit, als Redakteurin und Referentin und zuletzt mit dem Auftrag, Neues für Menschen in der „dritten Lebenshälfte“ zu entwickeln. Mein Glaube und wie ich ihn erlebe hatte deshalb viel mit meinen Aufgaben zu tun. Das konnte ich nicht einfach trennen …
Uli: Heißt das, du hinterfragst jetzt am Ende deines „Berufschristseins“ deine Motive?
Christiane: Naja, zumindest frage ich mich, wie ich jetzt, an der Schwelle in die nachberufliche Zeit, Teil des Reiches Gottes sein will. Ich übe gerade da und dort, statt „Ton-Angeberin“ eher Ermutigerin und Unterstützerin der nachfolgenden Generationen zu werden. Und ich forsche, wo mein Engagement – auch mein Dienst für Jesus – etwas war, was meinen Selbstwert gestützt hat. Die Frage finde ich nicht so leicht. Sie tut auch weh und kostet mich etwas.
Uli: Für Hauptamtliche wie uns beide ist das ja ein heikler Bereich: Träger einer offiziellen, ermutigenden, nichts hinterfragenden und alles positiv verstärkenden Version des Glaubens sein zu sollen – und entsprechend natürlich auch die Bibel immer harmonisierend, abrundend und positiv auszulegen. Man wird bezahlt als Träger von Antworten und Bejahungen, nicht von Fragen – und das ist ja auch nachvollziehbar. Aber in Wirklichkeit ist da ja eine Spannung: Mir ging das mal so bei einem Vortrag zum Thema „Älter werden – anders glauben“, dass mich der Veranstalter gleich fröhlich an Paulus erinnerte und auf 2. Korinther 4,16 hinwies, dass wir als Christen doch eben nicht müde werden im Alter, denn „wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert“ (LUT). Das war für mich ganz zwiespältig, weil ich das weder in der christlichen Szene so als Automatismus sehe noch erlebe ich es selbst so. Ich habe dann vorsichtig widersprochen und zumindest meine Frage gestellt, ob das so oberflächlich wie ein Mechanismus verstanden werden darf: Körperlich nehmen wir ab – aber innerlich nehmen wir zu oder bleiben auf Stand. Meine Befürchtung ist eher, dass wir ohne bewusste Arbeit und Gegenbewegung auch innerlich altern und abnehmen …
«Man wird bezahlt als Träger von Antworten, nicht von Fragen.» Ulrich Eggers
Christiane: Das sehe ich genauso. Und manchmal bin ich erschrocken, was jahrzehntelanger Glaube aus Menschen macht – oder nicht macht. Ernsthaft fromm? Aber nun wäre es ja etwas billig, mit dem Finger auf andere zu zeigen, deshalb frage ich mich schon: schlappe 50 Jahre dabei. Wie und wo habe ich mich verändert? Mein „innerer Mensch“ wächst nicht einfach so. Jesus ist da – ein großes Geschenk meines Lebens. Aber dann gehören dazu auch tapfere Schritte der Veränderung.
«Die Rolle der Gemeinde heute. Hilfe oder Korsett?»
Uli: Wie erlebst du die Gemeinde oder generell die christliche Gemeinschaft in Form von Hauskreis, Freundeskreis oder Kirche allgemein beim Älterwerden – auch beim Älterwerden des Glaubens? Hilfe, Korsett, Resonanzraum – positiv, negativ?
Christiane: Kirche und Gemeinde sind bis heute ein wichtiger Teil des Lebens von meinem Mann und mir. Gestartet bin ich in der FeG Cuxhaven, deiner Heimatgemeinde. FeG war fünfzig Jahre lang meine geistliche Heimat. Durch unseren Wechsel in den Süden bin ich jetzt Teil der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, unter anderem auch durch die Aufgaben meines Mannes für die Deutsche Bibelgesellschaft. Er ist mit mir lange in die FeG gegangen, und hier habe ich mich dann seiner geistlichen Heimat in der Landeskirche und Gemeinschaftsbewegung angeschlossen. Ich sage das so ausführlich, weil sich darin nicht nur eine äußere, sondern auch eine innere Reise abbildet: Was meinen Glauben heute im Älterwerden trägt, ist eine persönlich geleitete Liturgie – also eher kein freikirchliches Element. Diese Mischung aus Lobpreis und Kirchenliedern mit Orgelmusik – auch da finde ich mich wieder. Zugleich fordert es mich heraus, nach dem vielem Unterwegssein jetzt noch mal wirklich Teil der Kirchengemeinde vor Ort zu werden. Letztes Jahr habe ich mich deshalb einem Liturgiekurs angeschlossen. Liturgen leiten bei uns – in einer Albe, einem weißen Gewand – die Gottesdienste. Ich lerne Neues, aber vor allem beheimate ich mich vor Ort! Und dann gehören zu meinem Glauben und wie ich ihn lebe einige Freundschaften und eine geistliche Begleiterin. Ein großer Schatz meines Lebens, für den ich so dankbar bin.
Uli: Ich bin mein Leben lang gern Freikirchlicher geblieben, verstehe aber heute viele Elemente des landeskirchlichen Gottesdienstes wesentlich besser, bin ihm näher: Liturgie, die alten Lieder, eine unaufgeregte Kontinuität des Gottesdienstes, kein ständig neues Sonntags-Happening mit kommunikativen Elementen und kreativer Interaktion. Ich suche eher Ruhe, Stillhalten und will den Fokus auf Gott. Insofern hat sich mein Empfinden mit dem Älterwerden da stark geändert. Aber die Hauptlebensmittel meines Glaubens – gerade auch in den Fragen des Älterwerdens, des reifenden Glaubens – sind meine Gemeinschaft beziehungsweise Hauskreis, Freunde, das ständige Gespräch, das ich da führen kann. Und das Zuhause in meiner Gemeinde. Die Denk- und Erfahrungsimpulse, die ich dort bekomme – und geben kann. Und dann die Resonanz auf Fragen, Zweifel, offenes Reden, Erfahrungen – insofern ist guter geistlicher Input und offenes Gespräch über die Veränderung meines Glaubens da die Haupthilfe. Was tut deinem Glauben gerade beim Älterwerden gut?
Wenn ich die Psalmen bete …
Christiane: Geistliche „Lebensmittel“ sind für mich vor allem die Psalmen. Hier finde ich Worte, die ich mir nicht selber suche. Ich bete sie mit meinem Herzen, viel öfter aber auch gegen mein Herz – das ist noch gar nicht so weit. Wenn ich Psalmen bete, verbinde ich mich mit Generationen, die sie vor mir gebetet haben, auch das ist für mich ein tröstlicher Gedanke. Gerade entdecke ich die Klagepsalmen. Vielleicht ist es eine der ehrlichsten Weisen zu beten. Dabei klage ich weniger für mich als für diese Welt und das, was mich dort erschüttert. Oder das Leid von Menschen, das oft kaum zu ertragen ist.
Uli: Lebst du mit täglichen geistlichen Impulsen?
Christiane: Ich bin ein Morgenmensch. Nächte können für mich in jeder Hinsicht sehr dunkel sein. Ich bin immer froh, wenn die Sonne über der schwäbischen Alb aufgeht. Und dann gehören Losungen, die Bibel, ein geistliches Tagebuch und eine Tasse frischer Schwarztee zu meinem Morgen. Oft gehe ich mit einem Abschnitt einen längeren Weg – das ist heute Teil meines Glaubens. Und seit einigen Jahren schließe ich diese Zeit mit einem Körpergebet im Stehen ab. Und das alles nicht, weil ich es muss – sondern weil ich möchte. Meine oft unruhige Seele hat es nötig, „an die Hand genommen zu werden“.
Uli: Spannend, so etwas Festes habe ich bis heute nicht hingekriegt. Klar, Losung lesen am Morgen, Gebet für Anliegen, bewusstes Aufnehmen von geistlichem Input. So ist es oft – aber nicht immer und jeden Tag. Mir gelingt da wenig feste Form – und ich schimpfe mich auch nicht mehr dafür und habe noch nicht mal ein schlechtes Gewissen. Vielleicht ist das ja Zeichen einer gewissen Gelassenheit des Alters: Ich kann immer wieder auch mal zweifeln und halte Zweifel für vitales Zeichen von Glauben. Aber in der Mehrzahl der Tage lebe ich in einer ruhigen Gewissheit der Gegenwart Gottes, der ständigen Kommunikation, des Durchwobenseins des Alltags von meinem Glauben und Gottes Wirklichkeit. Nicht, dass ich darin perfekt wäre oder nichts mehr zu lernen hätte – im Gegenteil: Mich interessieren da die Erfahrungen von anderen immer sehr. Aber ich lasse mich nicht mehr in eine enge Gesetzlichkeit treiben oder von Scham und Schuldgefühlen verunsichern. Dazu gehört auch, dass ich noch nie so ruhig war wie heute, einmal bei Jesus zu sein – wenn er denn im Himmel auf mich wartet, was ich mich entschieden habe zu glauben und täglich neu entscheiden will. Und diese Zuversicht kommt eben nicht aus meinen religiösen Leistungen oder Errungenschaften, sondern von einem tieferen Verstehen dessen, was Jesus ist und getan hat. Es geht um ihn, um ihn in mir – nicht um das, was ich vorzuweisen habe! Da musste ich viel Gesetzlichkeit und Enge von früher überwinden, ehe ich mich so bedingungslos geliebt fühlte und das Evangelium wirklich als restlos gute Nachricht verstanden habe.
Christiane: Alte Prägungen überwinden – da ist auch für mich ein lebenslanger Prozess. Was möchte ich lernen, und was will ich spätestens jetzt verlernen? Überwinden musste ich ein – wie ich es heute empfinde – elitäres, geistliches Denken: Wir haben die Wahrheit – was ja im Umkehrschluss bedeutet: Alle anderen haben sie nicht. Als Kind habe ich mich tatsächlich gefragt, wozu es denn die ganzen Kirchen gibt, an denen ich immer vorbeikomme, wenn wir doch nur in der FeG eigentlich „so richtig“ glauben. Ob man das damals so gesagt hat? Vermutlich nicht. Aber dass dieser Gedanke auftaucht, ist doch bezeichnend. Heute glaube ich, dass Gottes Herz sehr viel größer ist als alles, was ich mir vorstellen kann. Geholfen hat mir da auch der Bibliolog, eine kreative Art und Weise, mit kleinen oder größeren Gruppen einen Bibeltext zu entdecken und zu erleben. Das lehrt mich, dass jede und jeder etwas zu sagen hat! Und ich bete immer wieder einmal: „Zeigst du dich an dieser Schwelle meines Lebens noch einmal neu, Jesus. Lass mich von dir lernen – und halte mich dort, wo ich dich noch nicht verstehe!“
Uli: Ich würde ja gerne noch mit dir über den Himmel reden, wie du dir ihn vorstellst, aber das machen wir in einer späteren Folge …
Über die Gesprächspartner

Christiane Rösel lebt in der Nähe von Stuttgart. Gemeinsam mit René Winkler ist sie Gastgeberin des Podcasts «Vorwärtsleben» für die Generation der Babyboomer.
Uli Eggers lebt als Autor und Referent, Ehemann, Papa und Opa in Cuxhaven und ist Teil der WegGemeinschaft.

AUFATMEN
Zeitschrift des SCM Verlags
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